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...dann die Revolution von unten

Zwar gab es in Darmstadt viele Kasernen. Noch mehr Soldaten aber hatte Preußen im Truppenübungslager Griesheim konzentriert. Dort lernten vorwiegend „Landfremde", wie Waffen zu gebrauchen waren. Auch die Fliegerei mit Bombenflugzeugen wurde dort im 1. Weltkrieg stationiert.
Die Soldaten dort wollten keinen Krieg mehr. Die mittlerweile ebenfalls unruhig gewordenen Reservisten der 115er in der Leibgardekaserne an der Alexanderstraße beschränkten sich zunächst darauf, Kammer und Kantine zu plündern. Zum Motor der Revolution wurden die größtenteils „landfremden" Griesheimer, die unter Führung ihres Soldatenrats-Vorsitzenden, Offiziersstellvertreter Hieronymus Elsesser (* 17.10.1889 Wiesen/Ufr. † 27.1.1969 Darmstadt), rund 5.000 Mann stark, mit leichten Waffen und Maschinengewehren in die Stadt rückten: Sie besetzten Bahnhof und Hauptpost, knallten wohl gelegentlich auch in die Luft, um ihrem Einmarsch Respekt zu verschaffen, befreiten die Gefangenen im Militär-Arresthaus in der Riedeselstraße und versammelten sich kurz vor Mitternacht vor dem Neuen Palais an der Runden Kirche. Eine im Palais plazierte Wache erklärte zunächst, es gehe vor allem darum, die Ordnung zu wahren und Plünderungen wie in den Kasernen zu verhindern.
→ Karte: der Weg der Griesheimer

Später in der Nacht kam es dann doch zu bedrohlicher Unruhe (Schilderung von E. Franz in Verzicht auf eine „Revolution in der Residenz" in „Zeitung für Darmstadt" vom 17.12.1993 S. 8).

Am 9. November um 2.00 Uhr früh belagerten etwa 7.000 Soldaten das Neue Palais, um dort einzudringen und den Großherzog gefangen zu nehmen. Am Morgen planten sie, zu den Fabriken zu gehen und dort mit den Arbeitern Kontakt aufzunehmen. Jetzt aber war Heinrich Delp zur Stelle. In Begleitung des Landtagsabgeordneten der SPD Heinrich Fulda vermochte er es, die Soldaten von ihrem Vorhaben abzubringen. Für den Vormittag des 9. November organisierte die MSPD-Führung eine Kundgebung der Arbeiterschaft, zu der sie durch ihre Emissäre zuvor die Genehmigung der Unternehmer eingeholt hatte. Ein Arbeiter- und Soldatenrat (AuSR) wurde „gebildet", dem außer den Soldatendelegierten vier Vertreter der MSPD und ein Mitglied der Fortschrittspartei angehörten. Die Arbeiter wählten also in Darmstadt weder selbst noch über Vertrauensleute.
Auf Anordnung des AuSR wurden alle öffentlichen Gebäude vom Militär besetzt und für den Tag sollte das Erscheinen der bürgerlichen Zeitungen verboten werden. Jedoch unterblieb dies für die offiziöse Darmstädter Zeitung lediglich für Samstag, den 9. November. Das Darmstädter Tagblatt unterbrach keinen einzigen Tag ihr Erscheinen!


Am Nachmittag des 9. November mahnte der inzwischen in Darmstadt eingetroffene Reichstags- und Landtagsabgeordnete der MSPD Carl Ulrich auf einer Volksversammlung die Massen zur Ruhe und Ordnung und bekundete als Ziel der Umwälzung die Errichtung eines Volksstaates. Anschließend begab er sich ins

Neue Palais, wo es ihm jedoch nicht gelang, den Großherzog zur Abdankung zu bewegen. In der nachfolgenden Sitzung des AuSR antwortete Ulrich auf die Frage, ob Ernst Ludwig abgedankt habe: „Ihr habt ihn ja in der vorigen Nacht abgesetzt. Dabei bleibt's." Noch in dieser Sitzung beauftragte der Darmstädter AuSR die sozialdemokratische Landtagsfraktion mit der Bildung einer republikanischen Regierung.

Auf einem Extrablatt des Darmstädter MSPD-Organs „Hessischer Volksfreund" prangte am Abend des 9. November die Schlagzeile: „Hessen Sozialistische Republik". Sie zielte auf die tiefe Sehnsucht breiter Volksschichten, die in der Tradition der Sozialdemokratie verankert waren und im Vertrauen auf diese Partei die Verwirklichung einer revolutionären Utopie erhofften. Schließlich galt noch immer das Erfurter Programm von 1891, das als Ziel der Partei die Errichtung der sozialistischen Gesellschaft definierte. Die erfolgreiche Revolution in Russland, deren Beginn am 7. November 1917 ein Jahr zurücklag, gab solchen Hoffnungen Auftrieb. (Schilderung von Judit Pakh in Die Revolution in Hessen — einige Grundzüge*) )

*) Entnommen Ulla Plener (Hrsg.), Die Novemberrevolution 1918/1919 in Deutschland, Beiträge zum 90. Jahrestag der Revolution,
Rosa-Luxemburg-Stiftung, Reihe: Manuskripte, 85, Karl Dietz Verlag Berlin 2009 Aufgesucht unter http://edoc.vifapol.de/opus/volltexte/2010/2173/pdf/Manuskripte_85.pdf am 12.12.2016

Es gibt leider nicht viele Schilderungen der Ereignisse in der Nacht vom Freitag, den 8. auf Samstag, den 9. November. Es sollen einige bekannte zitiert werden.
Der Gewerkschaftssekretär des Baugewerbeverbandes, Heinrich Delp, schilderte die Vorgänge aus seiner Sicht als Abgeordneter im Landtag am Luisenplatz. Anlass zur Debatte war ein Gesetz zur Freigabe des 9. November 1920 als Feiertag für die Beamten und Staatsbediensteten. Bei der Diskussion war der 2. Jahrestag aber schon verstrichen. Das änderte nichts daran, dass es eine sehr lange und erbitterte Debatte gab. Beiträge vor allem der DVP-Abgeordneten zeigt, dass sie nicht nur die Revolution hassten, sondern auch der Republik sehr fern standen. Ihre beiden Abgeordneten wurden nach dem Mordanschlag auf Walther Rathenau attackiert. Dies lässt ahnen, wieviel Erbitterung die politische Szene auch in Darmstadt beherrschte.
Der Fraktionsvorsitzende Eduard Dingeldey war der scharfzüngige Vertreter jenes Bürgertums, das in den Augen vieler Darmstädter für den Kurs in den Krieg gestanden hatte. Er wurde auch für die daraus entstandenen, noch Jahre nach dem Kriegsende andauernde Not verantwortlich gemacht. Einige seiner Redebeiträge:
http://starweb.Hessen.de/cache/Hessen/parlamente_historisch/Volksstaat_Hessen/2plpr_1921_1_10.pdf

Elf Jahre später sollte Eduard Dingeldey seine Partei reichsweit auflösen und in die NSDAP hineinführen.

Die Landtagsprotokolle des Volksstaates Hessen sind nachzulesen unter:
http://starweb.Hessen.de/starweb/LIS/parlamente_historisch.htm

Delps Bericht ist zu lesen in
Protokoll 78; Seite 2044, Sitzung des Landtags des Volksstaats Hessen am 25. Nov. 1920

Die Darmstädter Ereignisse in der Darstellung des Hessischen Volksfreundes, der Zeitung der Mehrheits-SPD vom
Montag, den 11. November 1918 (Anzeige in eigenem Fenster).

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