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Der Kaiser ging - nicht nur die Generäle blieben

Schon unmittelbar nach Kriegsende wurde von der Obersten Heeresleitung sowie von völkischen und rechtsextremen Gruppen die „Dolchstoßlegende" in die Welt gesetzt: Das deutsche Heer sei im Felde unbesiegt und nur deshalb zur Kapitulation gezwungen gewesen, da ihm die Feinde des Reiches in den Rücken gefallen seien. Die Legende diente der Propaganda gegen die Novemberrevolution und später gegen die Weimarer Republik.

Die Angriffe der Reaktionäre richteten sich zuerst gegen die Spartakusgruppe, die von Anfang an gegen den Krieg agitierte und in der Revolution die weitestgehenden Forderungen vertrat. Aus Angst vor unkontrollierbaren revolutionären Bestrebungen traf Friedrich Ebert als Mitglied des Vollzugsrats eine Absprache mit General Groener, um Ruhe und Ordnung zu gewährleisten. Dies gab dem Militär die Möglichkeit, unter der neuen Ordnung seine alte Macht wieder herzustellen. Die von der Front zurückgeführten Truppen lösten sich jedoch größtenteils auf, da die Mannschaften so schnell wie möglich nach Hause wollten. Diese Divisionen wurden mit Freiwilligen aufgefüllt. Die meisten kamen aus dem extrem rechten Spektrum. Diese Verbände wurden Freikorps genannt. Der sogenannte Ebert-Groener Pakt führte nicht nur zur blutigen Niederschlagung aufständischer Arbeiter, sondern verhinderte eine demokratische Reform des monarchistisch und republikfeindlich geprägten Militärs. Die Reichswehr blieb ein Staat im Staate.

Angriffe auf die Republik

Als der radikale Flügel der Revolution besiegt war, wollten Teile der reaktionären Kräfte die republikanische Regierung stürzen. Im März 1920 putschten Truppen unter General von Lüttwitz und Erich Ludendorff, erklärten die Regierung für abgesetzt und ernannten Herbert Kapp zum Reichskanzler. Auch Teile der Reichswehr, die den Putsch nicht unterstützten, weigerten sich, die Putschisten zu bekämpfen. („Reichswehr schießt nicht auf Reichswehr"). Der Putsch scheiterte an einem Generalstreik und am bewaffneten Widerstand von Arbeitermilizen vor allem im Ruhrgebiet und in Thüringen.

Gespannte Situation in Darmstadt während des Kapp-Putsches, 13.-14. März 1920

Nachdem die rechte Marinebrigade Ehrhardt Berlin kampflos besetzt hat, die rechtmäßige Reichsregierung aus der Hauptstadt fliehen musste und sich der putschende Verwaltungsbeamte Wolfgang Kapp (1858-1922) zum Kanzler des Reiches erklärt hat, kursieren in Darmstadt Gerüchte, dass der sozialdemokratische Staatspräsident und die Regierung des Volksstaats Hessen von der Reichswehrkaserne in Darmstadt aus verhaftet und verschleppt werden sollen. In der Kaserne erscheint ein Herr von Brüning aus Berlin, der sich als neuer Staatspräsident von Hessen vorstellt. Der Kommandant unternimmt in dieser Situation nichts für oder gegen den Abgesandten und lässt ihn laufen. Gegenüber dem Staatspräsidenten Ulrich erklärt er später entschuldigend, er habe den Herrn für geistig nicht normal gehalten. Am Abend versammeln sich viele Arbeiter im Gewerkschaftshaus in der Bismarckstraße, um notfalls gegen die Putschisten losschlagen zu können. Der Vorsitzende der Darmstädter SPD, Kern, geht schließlich in die Kaserne, um die Haltung des Militärs in Erfahrung zu bringen. Erst nach langem Warten wird Staatspräsi-dent Ulrich und den Arbeitern mitgeteilt, dass das Militär auf dem Boden der Verfassung steht und sich nicht für Putschpläne missbrauchen lässt.
Quelle: www.lagis-Hessen.de/de/subjects/browse/current/11/section/3/sn/edb

Ludendorff versuchte 1923 erneut einen Putsch, diesmal gemeinsam mit Adolf Hitler. Dieser Versuch scheiterte kläglich.
Auch die Morde an Matthias Erzberger, Phillip Scheidemann und Walther Rathenau wurden von Mitgliedern der Freikorps verübt.

Reaktionen in Darmstadt auf das Attentat auf Außenminister Rathenau, 24. Juni 1922

Das tödliche Attentat auf Außenminister Walther Rathenau durch zwei rechtsradikale Täter in Berlin löst im Reich in demokratisch und republikanisch gesinnten Kreisen Entsetzen und Empörung aus. In Darmstadt versammelt sich, wie in anderen Städten, eine empörte Menge, die gegen die Anführer rechter, nationalistischer Parteien vorgehen will. Demonstranten zertrümmern in der Wohnung des Landtagsabgeordneten Dr. Arthur Osann (DVP) die Möbel und reißen Schilder von Darmstädter Geschäftsleuten ab, die sich noch als "Hoflieferanten" bezeichnen. Die Menge kann den Vorsitzenden der DVP-Fraktion im hessischen Landtag, Eduard Dingeldey (1886-1942) ergreifen und lässt ihn einen symbolischen Galgen durch einige Gassen tragen. Dingeldey wird auf eine Mauer gehoben, von der aus er eine Rede halten soll, jedoch nutzt er die Gelegenheit zur Flucht und kann sich in die Villa Merck (Annastraße 15) retten. Als die Verfolger versuchen, die Villa zu stürmen gelingt es dem Sozialdemokraten (und späteren Innenminister) Wilhelm Leuschner nur mit Mühe, die Menge zu beruhigen und von der Erstürmung der Industriellenvilla abzuhalten.
Quelle: www.lagis-Hessen.de/de/subjects/browse/current/11/section/3/sn/edb Während der Demonstrationen wurde ein unbeteiligter Arbeiter aus Eberstadt von der Polizei erschossen.

Obwohl Ludendorff an zwei Putschversuchen beteiligt war, wurde er wegen seiner „Verdienste" im Weltkrieg freigesprochen. Nicht nur im Militär, auch in Justiz und Verwaltung herrschte der monarchistische, republikfeindliche Geist der Vorkriegszeit.
Auch die wirtschaftliche Macht wurde nicht angetastet. Die Fürsten wurden entmachtet, behielten aber ihren Besitz. Junker, Kohle- und Stahlbarone, die treibenden Kräfte hinter der Kriegspolitik blieben unangetastet.

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