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Stichwort: Die Ziele

Wer waren die Menschen auf der Straße und was wollten sie?
Der Eindruck, den die unmittelbar Handelnden auf einen Zehnjährigen, den Prinzen Ludwig machten: „Leute..., die ja müde waren, wie auch eigentlich diese ganze Revolution viel Müdigkeit eines bis aufs Blut erschöpften Volkes ausdrückte, viel mehr als die aktive Wut einer entrechteten Masse."
Die viel zitierten „Massen" von 1918 waren nur zum kleinen Teil Anhänger der noch schwachen USPD und des noch weit kleineren Spartakusbundes. Es waren vielmehr Mitglieder der großen Organisationen wie der MSPD und der freien Gewerkschaften. Sie waren auf der Straße, weil sie von sich aus, ohne Weisung Druck ausüben wollten.

Zuerst einmal sollte der Krieg beendet werden, und zwar sofort. Dass das ging, war ein Jahr zuvor vorgemacht worden. Und dann sollte die Herrschaft von Adel und Militär beendet werden. Die hatten das Leiden der letzten Jahre eingebrockt. Und dann die Unternehmer, die am Krieg verdient hatten. Und die uralten Forderungen wie der 8-Stunden-Tag. Da standen viele Rechnungen offen, und die Betroffenen wussten das und duckten sich erst einmal weg.

Die Menschen auf den Straßen glaubten, die sozialistische Regierung in Berlin unterstützen zu müssen. Sie marschierten in endlosen Zügen, auch in Darmstadt an jenem legendären 10. November, keinem grauem Tag, sondern einem milden Sonntag. Sie hatten ihre Sonntagskleidung angezogen. Es war auch eine Siegesfeier. Der Krieg sollte endlich ein Ende haben, „Völkerfrieden" war die Losung.
Sie wollten die Soldaten unterstützen, die am Vortag augenscheinlich am Hauptbahnhof, der Post und am Neuen Palais offen die Macht ergriffen hatten. Sie trotzten Enttäuschung und Resignation.
Es waren Sozialdemokraten, die ihnen sagten, sie hätten gesiegt. In Darmstadt war damit die revolutionäre Bewegung im Grunde schon wieder vorbei.
Nur noch einmal sollten so viele Menschen auf den Straßen von Darmstadt sein: Nach dem Mord an Walter Rathenau im April 1922 kamen sie zur größten Demonstration in der Geschichte Darmstadts, aber es war eher eine Erinnerung an all die vertanen Möglichkeiten der vergangenen vier Jahre. Wer über die Ziele der Menschen auf Deutschlands Straßen erfahren will, stößt auf — Lücken. Es gibt kaum Aufzeichnungen Beteiligter — so als gäbe es eine kollektive Scham, sich zu erinnern.

Die Griesheimer Soldaten hatten am Freitag, den 8. November gewählt, die aus der Darmstädter Garnison es ihnen am Abend nachgetan. Die Darmstädter Arbeiter aber waren nicht mit geheimen Betriebsobmännern vorbereitet. Ihre Partei war fast ausschließlich die Mehrheits-SPD, die alles für sie regelte. Samstag, der 9. November war damals natürlich ein Arbeitstag. Hierfür wurde seitens der Partei eine Arbeitspause für Kundgebungen mit den Arbeitgebern vereinbart.
Statt durch Wahl von je einem Delegierten für „Werktätige beiderlei Geschlechts" wie in Städten wie Frankfurt, Offenbach und Hanau wurde bei der Darmstädter Kundgebung im Gewerkschaftshaus einfach ein Arbeiterrat „gebildet".

Einige Erinnerungen dieser Zeit sind bewahrt worden - Zeugnisse von Courage.

Der in Darmstadt bekannte Kinderarzt Dr. Hans Joachim Landzettel berichtet von zwei mündlichen Überlieferungen seines Großvaters Jacob Kern.

Der Funke sprang über die Grenzen

Dabei ergriff die Revolution außer Deutschland auch andere Länder. Es zeigte sich, dass es selbst in der neutralen Schweiz rumorte. Die Schweizer Wirtschaft profitierte vom Ersten Weltkrieg, aber die Gewinne kamen nicht Allen zugute. Die Milizarmee kostete, die Löhne wurden gesenkt und die Lebensmittelpreise stiegen. Die Arbeiterschaft rührte sich und im November 1918 besetzte die Armee die Stadt Zürich unter dem Vorwand, einem Staatsstreich zuvorkommen zu müssen. Daraufhin wurde ein landesweiter Generalstreik ausgerufen. Nach drei Tagen brach der Streik zusammen. Aber er war nicht umsonst. Eine Initiative zur Einführung des Proporzwahlrechts wurde angenommen, die 48-Stundenwoche eingeführt sowie kollektive Arbeitsverträge abgeschlossen. Zudem wurden Altersvorsorge und Arbeitslosenfürsorge ausgebaut.
Die Alters- und Invalidenversicherung wurde allerdings erst 30 Jahre, das allgemeine Frauenwahlrecht erst 53 Jahre später eingeführt.
Weitergehende Forderungen wie Staatsmonopole für Import und Export und die Tilgung aller Staatsschulden durch die Besitzenden wurden nie umgesetzt.

Unmittelbare Forderungen

Einige Forderungen der Matrosen in Kiel vom 4. November 1918:
1. Abdankung des Hohenzollernhauses.
2. Die Aufhebung des Belagerungszustandes.
3. Freilassung unserer gemaßregelten Kameraden vom III. Geschwader
4. Freilassung aller im Zuchthaus zu Zelle sitzenden Kameraden von der Matrosenerhebung im Jahre 1917
5. Freilassung sämtlicher politischer Gefangenen
6. Einführung des allgemeinen, gleichen und geheimen Wahlrechts für beide Geschlechter

Hier eine sehr frühe Liste von Forderungen aus Stuttgart (nicht zu verwechseln mit der Zeitung der Spartacusgruppe, wenig Tage später in Berlin gedruckt):
„Die Forderungen des Arbeiter- und Soldatenrates:
1. Sofortiger Waffenstillstand und Abschluß des Friedens durch den Arbeiter- und Soldatenrat.
2. Abdankung aller Dynastien, einschließlich Wilhelm II. von Württemberg.
3. Auflösung des Landtags und des Reichstags. Die Regierung übernehmen sofort zu wählende Delegierte der Arbeiter, Soldaten, Kleinbauern und der Landarbeiter.
4. Sofortige und vollständige Aufhebung des Belagerungszustandes. Aufhebung jeder Zensur, volle Preßfreiheit; Aufhebung des Hilfsdienstgesetzes.
5. Sofortige Freilassung aller politisch Inhaftierten und aller Militärgefangener ohne Ausnahme in Württemberg und im Reich.
6. Banken und Industrien sind zugunsten des Proletariats zu enteignen.
7. Annullierung der Kriegsanleihen von 1000 Mark aufwärts.
8. 7stündige Arbeitszeit; Festsetzung von Mindestlöhnen durch die Arbeiterausschüsse. Gleiche Löhne für männliche und weibliche Arbeiter.
9. Streiktage sind voll zu bezahlen.
10. Durchgreifende Umgestaltung des Heerwesens, nämlich
a) Verleihung des Vereins und Versammlungsrechts an die Soldaten in dienstlichen und außerdienstlichen Angelegenheiten;
b) Aufhebung des Disziplinarstrafrechts der Vorgesetzten; die Disziplin wird durch Soldatendelegierte aufrechterhalten;
c) Abschaffung der Kriegsgerichte;
d) Entfernung von Vorgesetzten auf Mehrheitsbeschluß der ihnen Untergebenen hin;
12. Abschaffung der Todesstrafe und der Zuchthausstrafe für politische und militärische Vergehen.
13. Übergabe der Lebensmittelverteilung an Vertrauensleute der Arbeiter."

Bemerkenswert ist das Datum. Die Punkte 6 und 7 beweisen den Einfluss von USPD und Spartakisten.
Hierzu ist zu bemerken, dass Württemberg das Ursprungsland der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD) war. König Wilhelm II. selbst hatte 1907 den internationalen Sozialistenkongress in Stuttgart erlaubt.

Diese — teilweise revolutionären — Forderungen teilte die Abordnung der aufständischen Matrosen dem befehlshabenden Admiral der kaiserlichen Flotte in Kiel Souchon am 3. November 1918 mit.

Die Forderungen der Griesheimer Soldaten

Die Forderungen des Soldatenrates des Truppenübungslagers Griesheim einige Tage später wurden im „Hessischen Volksfreund" veröffentlicht. Hier steht nichts über Wahlrecht, sondern etwas über die Sicherung der Versorgung mit Lebensmitteln. Bemerkenswert ist die Einbeziehung der Bauern, wie sie auch in Bayern geschah.

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