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Schilderungen der Ereignisse am 9. November 1918 in Darmstadt

aus: Manfred Knodt, Ernst Ludwig, Großherzog von Hessen und bei Rhein, Verlag Schlapp, Darmstadt 1978, S. 366 ff

Die beste Schilderung dieser kritischen Tage haben wir in drei Berichten, von denen zwei der Berichterstatter die Ereignisse des 8. und 9. November ganz wesentlich mitbestimmt haben - Heinrich Delp (1878-1945, Gewerkschaftsfunktionär, Sozialdemokratischer Stadtverordneter in Darmstadt bis 1918, hessischer Landtagsabgeordneter ab 1919, Bürgermeister in Darmstadt 1919-1933) und Carl Ulrich (1853-1933, Sozialdemokratischer Abgeordneter der Zweiten Kammer seit 1885, im Deutschen Reichstag seit 1890, hessischer Landtagsabgeordneter ab 1919, erster Staatspräsident des Volksstaates Hessen 1919-1928) -, wogegen der dritte das Geschehen als zehnjähriger Junge erleiden mußte - Prinz Ludwig von Hessen und bei Rhein (1908-1968, der jüngste Sohn des Großherzogs Ernst Ludwig).

Bericht Heinrich Delps am 25.11.1920 im Hessischen Landtag

aus: Verhandlungen des Landtages des Volksstaates Hessen 1919/21. Protokoll. Bd. 3. Nr. 78

„Meine Damen und Herren, ich hatte nicht die Absicht, zu diesem Thema das Wort zu ergreifen, nachdem aber der Herr Abg. Dingeldey versucht hat, die Geschichte vom 8. Und 9. November 1918 so darzustellen, als hätte die Sozialdemokratie und ihre Führer sich der Sache damals bemächtigt, um sie parteiagitatorisch auszuschlachten, so gestatten sie mir als dem Berufensten aus dieser sehr bedenklichen Nacht, Ihnen vor dem ganzen Lande sie Vorkommnisse einmal zu schildern.

Ich bekam am 8. November [1918] vom Oberbürgermeister der Stadt Darmstadt eine Einladung zu einer vertraulichen Besprechung, an der auch der Herr Abgeordnete Dr. [Arthur] Osann teilnahm, ebenso der frühere Großherzog, der erst nachträglich erschien. In dieser Sitzung wurde mir die Frage vorgelegt, wie denn die Stimmung bei der hiesigen Arbeiterschaft sei; ob nicht zu befürchten sei, daß irgend ein Aufruhr möglich erscheine, wahrscheinlich in der Annahme, weil zwei Tage vorher in manchen Städten Deutschlands die Gärung so stark war, daß das Schlimmste zu befürchten war. Nach Kenntnis der Stimmung innerhalb der Arbeiterschaft konnte ich die beruhigende Erklärung abgeben, daß die Arbeiterschaft Darmstadts ruhig und besonnen sei, und Anzeichen eines Aufruhrs nicht festzustellen seien. Es wurde dann mit Recht an den Stadtkommandanten General [Viktor] von Randow die Frage gerichtet, wie die Stimmung in den Garnisonen sei, und da erklärte er folgendes: Meine Herren, ich habe vor einer Stunde sämtliche Regimentskommandeure gesprochen, übereinstimmend haben sie erklärt, daß in allen Kasernen die beste Ordnung, die größte Disziplin vorherrschend sei. Als General von Randow diese Bemerkung machte, wurde sein Adjutant ans Telefon gerufen. Der Adjutant kam weiß wie ein Bettuch zurück und machte seinem Vorgesetzten die Meldung, daß vom Griesheimer Lager die telefonische Mitteilung eingelaufen sei, daß sich Soldatenräte gebildet hatten und den Herrn Stadtkommandanten und den Herrn Lagerkommandanten von Griesheim zu sprechen wünschten. General von Randow sagte damals: Meine Herren, ich kann meine soeben gemachte Mitteilung nicht mehr aufrechterhalten. Sie werden es begreiflich finden, wenn ich die Sitzung sofort verlasse und mich nach dem Griesheimer Schießplatz begebe, um mit den gewählten Soldatenräten zu verhandeln. [Diese Verhandlung hat stattgefunden, blieb aber ohne Ergebnis.] Wir haben uns dann auf Grund dieser Mitteilung getrennt. Ich hatte auf denselben Abend um 6 Uhr in unser Vereinshaus eine Vertrauensmännerkonfe¬renz einberufen, die Stellung nehmen sollte zu einer Demonstration, die am Dienstag später geplant war zugunsten des preußischen Wahlrechts, und mein Parteifreund [Wilhelm] Knoblauch wird mir bestätigen, daß ich in dieser fraglichen Vertrauensmännerkonferenz von dem, was sich auf dem Stadthause abgespielt hatte, nichts gesagt habe. Meine Damen und Herren, ich war mir damals bewußt, welch schwere Verantwortung auf mir lastete, und würde das zutreffen, was unserer Partei und unseren Führern vorgeworfen wird, daß wir diese militärische Revolte hätten parteipolitisch ausnützen wollen, hätte ich nur im Gewerkschafts¬haus, wo Vertrauensmänner aus allen Fabriken anwesend waren, zu sagen brauchen: Das und das geht vor, macht euch aufs Schlimmste gefaßt! - Sie können überzeugt sein, dann hätten wir den Bürgerkrieg in der Nacht vom 8. auf den 9. November gehabt. Meiner Verantwortung bewußt, habe ich meinen Parteifreunden davon keine Kenntnis gegeben, und der größte Teil meiner Parteifreunde hat bis heute von dem, was sich am 8. November auf dem Stadthaus abgespielt hat, noch keine Kenntnis.
Nach der Konferenz ging ich mit einem meiner Parteifreunde nach Hause. Als ich zu Haus beim Nachtessen saß, ½ 11 Uhr, da hörte ich Schüsse. Ich bin nicht zu Hause geblieben, wie die Herren von der Rechten, sondern habe es für meine Pflicht erachtet, da ich Kenntnis hatte von dem, was sich auf dem Stadthaus abgespielt hatte, in die Stadt und von Kaserne zu Kaserne zu gehen, und habe versucht, diese revoltierenden Soldaten zur Vernunft zu bringen. Als ich vor das Neue Palais kam - das war nachts 12 Uhr - da standen ungefähr 5 000 Soldaten vom Griesheimer Lager und der hiesigen Garnison. Da ich der einzige Zivilist war und mir Einlaß erbeten hatte, erklärten die Soldaten: Das ist ein Spitzel, unter keinen Umständen darf er ins Neue Palais. Wir wollen unser Vorhaben ausführen und uns rächen für das, was uns in den letzten vier Jahren angetan worden ist. Nur einem Glücksumstande war es zu verdanken, daß einer meiner Parteifreunde, ein gewisser Schumacher [Simon] Link von Darmstadt, der bei den 115ern Soldat war, kam und den Soldaten erklärte: Das ist kein Spitzel, das ist mein Parteifreund Delp von Darmstadt. Erst dann hatte ich die Möglichkeit, ins Neue Palais zu kommen. Und wie es ausgesehen hat - da fragen Sie einmal den damaligen Adjutanten Massenbach und den Grafen Hardenberg. Beide haben mich geradezu kniefällig empfangen und gebeten, ich möchte diese Nacht im Palais schlafen. Ich habe es abgelehnt und erklärt, ich habe die Verpflichtung, in die Kasernen zu gehen und den Soldaten zu sagen, was sie zu tun und zu lassen haben. Ich bin von Kaserne zu Kaserne gegangen und habe manches verhindert. Ich hatte das Bestreben, mit dem Führer der militärischen Revolte ins Einvernehmen zu kommen, und habe überall hinterlassen, wenn der Herr zurückkommt, sollte er mich im Neuen Palais aufsuchen, denn ich hatte das Bedürfnis, Ordnung zu schaffen.
Nach meiner Rückkehr in das Palais stellten mir Graf Hardenberg und Hauptmann Massenbach ein Zimmer zur Verfügung und baten mich, doch dazubleiben, weil draußen vor dem Palais Tausende von Soldaten standen und das Palais stürmen wollten. Graf Hardenberg bat mich, eine Ansprache zu halten, um die Soldaten zu beruhigen. Ich habe es in diesem Moment abgelehnt, weil die Stimmung bei den Soldaten zu gereizt war. Als dann der Kommandant [Hieronymus] Elsässer mich bat, da habe ich nachts - ich glaube, es war 2 Uhr, der frühere Großherzog stand oben hinter dem Fenster und draußen wogte die Soldatenmenge, die das Palais stürmen wollte, die stürmisch verlangte, daß der frühere Großherzog gefangen genommen werden sollte - die Ansprache gehalten.

Außer dem Namen des früheren Großherzogs sind auch die Namen von Darmstädter Bürgern und politisch maßgebenden Persönlichkeiten genannt worden, die in der Nacht nicht nur gefangen genommen werden sollten, sondern, wie es damals hieß, aufgehängt werden sollten. Ich habe damals im Auto gestanden und habe vor diesen 5-, 6- bis 7000 Soldaten erklärt: Es ist in diesen 4 Jahren Blut genug geflossen, unter keinen Umständen darf es dahin kommen, daß weiteres Bürgerblut fließt. Ich habe die Soldaten aufgefordert, nach ihren Kasernen zu gehen, ich würde dann ihren Wünschen Rechnung tragen, denn sie beabsichtigten, am anderen Morgen die Fabriken zu stürmen und die Verbindung mit der Arbeiterschaft herzustellen. Der Herr Minister [Dr. Heinrich] Fulda [Stadtverordneter und Landtagsabgeordneter der SPD] kam noch hinzu, er wird es bestätigen. Wie ein Mann sind dann die Soldaten weg vom Neuen Palais und sind heim in die Kasernen gezogen. Ich kam dann hierher zum Ständehaus. Da fand ich das Haus besetzt und oben auf dem Präsidium saßen drei Soldaten. Wissen Sie, wie ich empfangen worden bin?

Der eine hat mich gefragt: Wer sind Sie? Ich habe mich vorgestellt, und da fragte er: Sind Sie unabhängig? Da sagte ich ihm: Jawohl, ich bin unabhängig, aber nicht so unabhängig, wie Sie glauben. Er hatte nämlich gemeint, ob ich unabhängiger Sozialist sei.

Sofort konnte ich feststellen, daß Differenzen zwischen den Griesheimer Soldaten und der Garnison Darmstadt entstanden waren, und Sie können überzeugt sein, wäre es mir in dieser Nacht nicht gelungen, die Verständigung zwischen den Griesheimer und Darmstädter Soldaten herbeizuführen, zweifellos wäre in Darmstadt etwas geschehen, was wir alle lebhaft bedauert hätten.

Um die Verständigung und Ruhe herbeizuführen, bin ich um 3 Uhr morgens mit dem Auto nach dem Griesheimer Lager gefahren. Offiziere habe ich keine gesehen. Ich habe mit den Soldaten auf dem Griesheimer Schießplatz verhandelt und sie gebeten, vor allen Dingen Leben, Stadt- und Privateigentum zu schützen. Sie würden sich und dem Volke keinen guten Dienst erweisen, wenn sie die Kammern plünderten, wie es ihre Kameraden in der 115er Kaserne leider gemacht haben. Ich habe dann eine Kommission vom Griesheimer Lager mit hierher gebracht, habe verhandelt und die Verständigung erzielt.

Am anderen Morgen - das werden mir meine Parteifreunde Knoblauch und Storck bestätigen - habe ich die Fabriken aufgesucht und die Prinzipale gebeten, sie möchten die Arbeiterschaft auf eine Stunde um 10 Uhr freigeben, damit eine Verständigung zwischen der Arbeiterschaft und den in Wallung gebrachten Soldaten herbeigeführt werden könnte. Ich habe erklärt: Um 1 Uhr wird wieder weitergearbeitet, und kann ich hier ohne weiteres feststellen, alle Unternehmer, selbst die größten, auch die Firma E. Merck, haben sich zuvorkommend erwiesen, weil sie das Schwere der damaligen Zeit eingesehen hatten.

Nach der Demonstration sind die Arbeiter wieder auf ihre Arbeitsplätze gegangen, und wir haben versucht, die unlauteren Elemente, die während der Nacht aus dem Gefängnis entlassen worden waren, aus der Leitung der Soldatenräte zu beseitigen. Welchen Kampf es gekostet hat, innerhalb der Soldatenräte diese unlauteren Elemente zu beseitigen, das wissen wir nur zu gut.

Wenn in Darmstadt an dem Platze, wo die Regierung ihren Sitz hat und die Militärrevolte zuerst ausgebrochen ist, alles so schiedlich-friedlich erledigt wurde, so war das kein Verdienst derjenigen, die heute in nationaler Beziehung glauben, alles in Erbpacht genommen zu haben, sondern, so darf ich wenigstens für unsere Parteigenossen den Anspruch erheben, daß sie das getan haben, was ihre Pflicht in der fraglichen Nacht gewesen ist. Herr Abg. [Eduard] Dingeldey [Deutsche Volkspartei], Sie können überzeugt sein: Wäre ich ein gewissenloser Parteihetzer, es wäre mir in dieser Nacht ein leichtes gewesen, Öl ins Feuer zu gießen, es wäre nicht nur das Neue Palais auf den Kopf gestellt worden, sondern in Darmstadt würden vielleicht manche Gebäulichkeiten nicht mehr stehen und manche Persönlichkeiten, die heute in der Öffentlich¬keit den Mund nicht weit genug aufmachen können, würden heute nicht mehr an dem Platze sitzen, wo sie sitzen. ... Auch der frühere Großherzog hat mir durch eine Persönlichkeit seinen Dank abstatten lassen in der Erkenntnis, daß durch mein Eingreifen in der fraglichen Nacht Schlimmeres verhindert wurde ... welche Schwierigkeiten zu überwinden waren, nachdem die Volksseele ins Kochen geraten war, geht aus der Tatsache hervor, daß wir Parteiführer unsere eigenen Parteigenossen zurückdrängen mußten, und ich gebe ohne weiteres zu: Wie bei der Arbeiterschaft in der Großstadt, so gibt es auch bei uns in Darmstadt Elemente, die bei allen derartigen Gelegenheiten im Trüben fischen wollen. Auch gegen diese Elemente haben wir Stellung genommen und haben nicht zugegeben, daß sie nun die Gelegenheit benützen können und dürfen, aus der Not der Zeit Vorteile herauszuschlagen."

Staatspräsident Carl Ulrich berichtet

aus: Carl Ulrich, Erinnerungen
„Ich kam am Samstag, dem 9. November, gegen ½ 11 Uhr, von Frankfurt im Hauptbahnhof Darmstadt an ... in der Redaktion des Volksfreundes` erfuhr ich, was los war. Man hatte in der Nacht einen Arbeiter- und Soldatenrat gebildet, den Großherzog abgesetzt und die Republik ausgerufen. Es wurde mitgeteilt, daß der abgesetzte Großherzog im Neuen Palais ,interniert` sei und daß dort eine Sitzung des Staatsrates stattfinden solle, die in einem Regierungszimmer der Zweiten Kammer vorgesehen gewesen war.

Kaum war mir das mitgeteilt, da ging die Tür zur Redaktion des Volksfreundes` auf und zwei Soldaten mit aufgepflanzten Bajonetten traten ein. Sie luden den Genossen Dr. [Ludwig] Quessel [Redakteur] und mich ein, in ein vor dem Hause haltendes rot gepolstertes Auto zu steigen, um auf den Marienplatz zu einer Volksversammlung zu fahren und zu den Massen zu reden ... Genosse Dr. Quessel hielt eine längere Rede über die Bedeutung des Tages. Wir beide forderten zu größter Disziplin auf, zur Ruhe und Ordnung, aber auch zu unerschütterlicher Entschlossenheit, das nun begonnene Werk der Errichtung des Volksstaates glücklich zu Ende zu führen.

Die Masse jubelte den Reden zu. Ich fuhr zum Neuen Palais, wo ich sowohl die drei Minister [Dr. Carl von Ewald, Friedrich von Hombergk zu Vach und Dr. Johannes Becker] als auch die Staatsratsmitglieder [Heinrich Köhler-Worms, Dr. Arthur Osann-Darmstadt, Gustav Korell-Angenrod, Dr. Ferdinand Werner-Butzbach, Otto von Brentano-Offenbach, Philipp Uebel-Dieburg, Carl Ulrich-Offenbach, Dr. Heinrich Fulda-Darmstadt, Heinrich Reh-Alsfeld, Konrad Wilhelm Henrich-Darmstadt] bis auf den Abg. Werner, der etwas später kam, antraf. Dort im Vestibül des Neuen Palais, sah es bunt aus. Auf dem Boden umher lagen Betten, Matratzen und Decken, auf denen die Familienmitglieder des abgesetzten Großherzogs sowie die Beamten und Dienerschaft während der Nacht kampiert hatten, als die Soldaten drohten, das Palais zu stürmen.
Der abgesetzte Großherzog kam bei meinem Eintritt in die Räume auf mich zu, um meine Meinung über die Lage zu hören. Die Minister und Staatsräte umstanden uns. Ich erklärte ruhig, aber bündig, daß es das beste sein würde, wenn er abdanken würde. Das lehnte er kurzer Hand ab, zumal sowohl die Minister als auch die Staatsräte Köhler, Osann und Korell sich dahin äußerten, das sei nicht nötig, so schlimm stünde es nicht'. In dieser Auffassung wurden die Herrschaften noch bestärkt durch einen weißen Dragoner, der, offenbar von irgendeiner interessierten Seite geschickt und hereingeführt, rührselig erzählte, daß die Soldaten sich über die Absetzung des Großherzogs nicht einigen könnten; die Mehrheit scheine gegen die Absetzung zu sein; er habe Leute getroffen, die bitterlich geweint hätten über die Absetzung. Wenn man einflußreiche Herren in den Soldatenrat sende, käme vielleicht ein anderer Beschluß zustande.

Nach längerem Hin- und Herreden ging der Staatsrat resultatlos auseinander, nachdem eine weitere Sitzung desselben auf den Nachmittag in das Regierungszimmer der Zweiten Kammer angesetzt worden war. Das Weiterreden im Neuen Palais hatte keinen Sinn mehr. Ich ging hinunter zur Sitzung des Arbeiter- und Soldatenrats. Hier wurde ich von mehreren Mitgliedern desselben empfangen mit der Frage, ob Ernst Ludwig abgedankt habe. Jetzt hing der weitere ruhige Verlauf der Revolution nach meiner Auffassung von meiner Antwort ab. Hätte ich gesagt, daß er nicht abdanken wolle, so stand zu befürchten, daß die aufgeregten Soldaten zum Neuen Palais gezogen wären, um den ehemaligen Großherzog zum Abdanken zu zwingen. Was dann gefolgt wäre, war nicht abzusehen. Ich erklärte deshalb: ,Ihr habt ihn ja in der vorigen Nacht abgesetzt! Dabei bleibts!` Das beruhigte die Einzelnen, und die Verhandlungen gingen ungestört weiter; sie endeten mit dem Beschluß, die sozialdemokratische Landtagsfraktion zu beauftragen, eine neue republikanische Regierung zu bilden'."

Zur Biografie ein Beitrag des hessischen Landeszentrale für politische Bildung → hier
Eintrag im Stadtlexikon Darmstadt

Ludwig Landgraf, Sohn des letzten Großherzogs, berichtet

Prinz Ludwig von Hessen und bei Rhein (* 20.11.1908. † 30.05.1968) war der zweite Sohn des letzten Großherzogs Ernst-Ludwig. Als Ludwig Langraf schrieb er seine Erinnerungen eines Darmstädters.
Er erinnerte sich: „So weiß ich genau, was man hörte, wenn man mit dem Wagen ausgefahren war, nachmittags nach der Marienhöhe oder irgendeinen anderen etwas höher gelegenen Ort. Man hörte im Westwind das dumpfe Grollen der Kanonen aus der Ferne. Der Diener sagte, das ist Verdun. Und dies Wort Verdun mit seiner unheimlichen Bedeutung hat sich damals in ein noch eher empfindliches junges Gemüt eingeprägt, unvergeßlich der böse Ton, in dem der Tod lag."

Von den Ereignissen des 8. November 1918 und der folgenden Tage erzählte Prinz Ludwig auch in seiner letzten Rede im April 1968:
„Am 8. November war der 12. Geburtstag meines Bruders, und da wurden dann mit den Solmser Verwandten nachmittags im Garten wilde Spiele gespielt. Dabei verstauchte ich mir als Indianer zwischen den Gewächshäusern rennend den Fuß, so daß ich kaum noch laufen konnte. Am Abend ging man wie immer zu Bett. Die Eltern kamen, man betete mit ihnen und schlief ein. Etwas später wohl, als wir schon fest schliefen, kamen die Eltern wieder ins Zimmer, knipsten das Licht an, und wir mußten uns anziehen, die Kleider, die sowieso schon für den Luftschutz bereitgelegt waren; denn damals gab es auch schon so etwas wie Fliegerangriffe. Ein Haus war in Darmstadt gebombt worden. Wir mußten uns anziehen, und dann ging es auf einmal aber nicht hinunter - wie wir angenommen hatten - in den Keller, sondern zum Haus heraus.

Mein Vater nahm mich auf die Schultern, führte uns durch die menschenleeren, dunklen Straßen vorüber an der katholischen Kirche zu den Verwandten Solms [Wilhelminenplatz 7], wo gleich auch [Gustav Frei]Herr von Schauroth, ihr Nachbar, und Geheimrat [Dr. med. Friedrich] Happel, unser Leibarzt, erschienen. Dr. Happel sagte (ich höre die Stimme noch mit ihrem Kasseler Akzent): Ich stelle mein Haus zur Verfügung'. Mein Vater trug mich dann hinüber in die Sandstraße [Nr. 18], wo das Haus von Dr. Happel war. Mein Bruder, ich und Fräulein [Georgine Freiin] von Rotsmann blieben dort, nachdem meine Eltern zurückgingen ins Neue Palais. Uns war diese ganze Sache doch sehr unheimlich; denn man konnte nicht verstehen, warum die Unterbringung in einem anderen Hause sicherer sein sollte als die im eigenen, vor Bomben sicherer. Und dann hörte man wohl eine halbe oder eine Stunde später von weit her Schießen, Gewehrschießen und Brüllen, viele Stimmen, Gejohle und Geschrei, das immer näher heranrückte. In einem Augenblick wußten mein Bruder und ich, daß das die Revolution war, von der man ja schon so etwas hatte munkeln hören, wie ja Kinder oft von Erwachsenen Dinge aufschnappen, die diese für ganz geheim halten. Wir waren sehr ängstlich. Wir bekamen mehr und mehr Furcht, als die Schüsse immer näher klangen, Maschinengewehrfeuer, und das gräßliche Schreien einer großen Menge, immer wieder wildes Gebrüll und Gelärm, und dann rannten Leute am Haus vorüber, und der Lärm war ganz dicht beim Neuen Palais, das ja gegenüber von der Sandstraße hinter dem Garten lag. Ein Maschinengewehr ballerte unten auf dem Marienplatz, pausenlos knallte es da, und wir lagen zitternd in den Happelschen Betten und dachten immer nur, daß das, was da klang, was da schoß, das Ende unserer Eltern sein mußte. Wir hatten ja auch gelesen und gehört von den Vorgängen in Rußland, und man konnte sich eine Revolution ja nur vorstellen, die mit fürchterlichen Begleiterscheinungen um sich griff. Aber nach einiger Zeit dieses wilden Schießens und Gebrülls in der Nähe rückten anscheinend die tobenden Leute ab. Es wurde noch weitergeschossen, aber nicht mehr so viel. Dann wurde es verhältnismäßig ruhig, nur weither klangen noch wirre Geräusche. Dann hörten wir von der Straße her die ruhige Stimme des Adjutanten Massenbach, die gute Stimme, die sagte: Es ist alles gut, es ist alles ruhig, den Eltern geht es gut, das Haus wird bewacht, es sind Leute im Haus, geben acht, daß nichts passiert, es ist alles gut, sie können ruhig schlafen.' Wir waren wie erlöst. Am anderen Morgen dann sah man zum Fenster heraus durch die Kastanienallee hindurch in unseren Garten. Die Mauer entlang strichen verwegene Gestalten. Es waren sehr junge Burschen in langen Soldatenmänteln. Sie hatten sich alle eine Nummer größer besorgt, irgendwie, hatten kleine Krätzchen auf, die runden Mützchen der deutschen Soldaten. Sie schlenderten mit umgehängten Gewehren, Mündung nach unten, durch die Gegend. Das war alles sehr gut imitiert nach den Bildern, die wir auch von der russischen Revolution in den Illustrierten gesehen hatten und die scheinbar große Mode gemacht hatte. Es war unheimlich, diese Burschen zu sehen, die rauchten und untereinander redeten, lachten und pfiffen und allen preußischen Schliff vermissen ließen, an den man ja in der Heimat sogar noch immer gewöhnt war.

Wann nun der erste Besuch bei uns kam, das weiß ich nicht. Auf alle Fälle sehr bald kam meine Mutter, von drei Mann bis an die Zähne bewaffneten Soldaten begleitet, die Straße heruntergegangen und kam zu uns und erzählte uns, daß drüben alles eigentlich ganz gut ginge, daß eben eine große Wache vom sogenannten Soldatenrat im Hause läge, daß man aber gut mit den Leuten auskäme. Man hatte sie gleich zu Anfang im Haus freundlich aufgenommen, ihnen ein Matratzenlager schon vorher gerichtet und ihnen Suppe und Kaffee angeboten. Man hatte die Diener ferngehalten, die Hausmädchen ihnen nahegebracht, und die waren nett und lustig mit den Leuten gewesen, die ja müde waren, wie auch eigentlich diese ganze Revolution viel Müdigkeit eines bis aufs Blut erschöpften Volkes ausdrückte, viel mehr als die aktive Wut einer entrechteten Masse.

Wenige Tage später durften wir zum ersten Mal hinüber in unser Haus und in unseren Garten. Eigentlich trafen wir uns mit den Eltern zuerst im Garten, ich in einem kleinen Rollstuhl, weil der Knöchel noch immer nicht funktionieren wollte. Dort haben wir uns dann lange unterhalten, daß also die Revolution gekommen wäre, erzählte der Vater, und daß er nichts mehr zu sagen habe. Andere Leute würden jetzt die Verantwortung übernehmen. Er war ganz ruhig und freundlich zu uns, aber uns - meinen Bruder und mich - traf das doch alles sehr bitter, und wir meinten, man solle doch den Namen aufgeben und sich Herren von Tarasp nennen, nach einem Besitz in der Schweiz, der meinem Vater wenige Jahre vorher zugefallen war, und überhaupt dort hinziehen und weggehen von diesen Menschen, die alles so anders wollten, als es bisher gewesen war. Im Haus selber lag unten der Soldatenrat. Das waren meist junge Etappen-Soldaten, bald schon ergänzt von der sogenannten Bürgerwehr, Zivilisten mit roten Armbinden und Gewehren ausgestattet. Sie tranken Bier und rauchten viele Kriegs-Zigarren, so daß das Haus bis oben hinauf danach duftete. Im übrigen waren es harmlose und im Grunde genommen, wenn man es sich heute überlegt, doch wohl recht freundliche und anständige Leute. Es gab eigentlich keine großen Unannehmlichkeiten mit ihnen.
Über die politischen Dinge, die sich damals abspielten, weiß ich natürlich nur von späteren Berichten; denn es passierte ja alles über unsere Köpfe hinweg. Es ist nur interessant festzuhalten, daß mein Vater als einer der wenigen deutschen Landesfürsten in der Revolutionsnacht sein Haus nicht verlassen hatte, daß er dort blieb, wo er verantwortlich war oder sich verantwortlich fühlte. Daß er auch als einer der wenigen deutschen Fürsten nicht für sich oder seine Nachkommen abdankte, so nahe ihm das auch wieder und wieder gelegt wurde. Dagegen schrieb er wohl auch als einziger deutscher Fürst einen Gruß an die später gewählte erste republikanische Volkskammer des Landes Hessen, der er erfolgreiches Wirken zum Wohle der Allgemeinheit wünschte. Dieser Brief, der dem Ministerpräsidenten Ulrich überbracht wurde, wurde von ihm als eine Art Abdankungsurkunde angesehen. Er war dies nicht, er war eine Anerkennung der gegebenen Tatsachen, de facto, nicht de jure."

Ein Bericht aus Arheilgen

Auszug aus: Georg Mampel, 100 Jahre Sozialdemokratie in Arheilgen 1878-1978 S. 101 ff
Nach vier gräßlichen Jahren voll Hunger und Not, Tod und Verderben näherte sich der Krieg sei-nem Ende zu. Die Oberste Heeresleitung mit Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg und General Ludendorff kapitulierte; Kaiser Wilhelm II. ging am 8.11.1918 außer Landes und überließ das deutsche Volk seinem Schicksal.
Nachdem die staatliche Macht des Kaiserreiches zusammengebrochen war, versuchte der in Ber-lin gebildete "Rat der Volksbeauftragten" mit Friedrich Ebert (SPD) an der Spitze, seit dem 9.11.1918 zur Rettung des Reiches und um das Leben der noch unter Waffen stehenden Männer und deren Frauen und Kinder besorgt, eine geordnete Verwaltung weiterzuführen.

Der Hessische Arbeiter- und Soldatenrat, der Hessen zur Republik erklärte, hatte die sozial-demokratische Landtagsfraktion mit der Bildung einer Regierung unter Carl Ulrich aus Offenbach beauftragt.
Im Zuge der Entwicklung konstituierte sich auch in Arheilgen aus den verschiedenen Schichten der Bevölkerung ein Arbeiter-, Bauern- und Soldatenrat. Es waren Männer, die nicht mehr der Wehrpflicht unterlagen, entlassene Verwundete und von den Betrieben vom Wehrdienst reklamierte und u.k. gestellte Bürger.

Diesem Rat gehörten an: Parteivorsitzender Jakob Jung,
Gemeinderechner Bauernvertreter Heinrich Ruf, Landwirt
Geschäftsführer des Konsumvereins Gustav Hochmuth
Gewerkschaftskartellvorsitzender Georg Mampel, Schlosser
Kriegsbeschädigter Wilhelm Brücher, der spätere Bademeister am Schwimmbad am Mühlehen.

Wilhelm Brücher war mit dem für untere Chargen seltenen EK 1. Klasse ausgezeichnet und durch Giftgas schwer verwundet.
Die Hauptaufgabe dieser Männer bestand darin, die Ernährung einigermaßen sicherzustellen und für geordnete Verhältnisse im Ort zu sorgen. Der besonders schweren Aufgabe der Ernährungssicherung galt ihre ganze Kraft.

Nach sporadischen Zusammenkünften in den Kriegsjahren traf man sich schon am 18. Novem-ber zu einer ersten Versammlung, obwohl noch nicht alle Soldaten zurückgekehrt waren, um über die nächste Zukunft zu beraten. In dieser Versammlung des Ortskartells wurde Genosse Georg Mampel, wie vor dem Krieg, wieder zum Vorsitzenden gewählt. Georg Schwarz berief man zum Kassier, und Schriftführer wurde Peter Krämer. Der Gewerkschaftssekretär Friedrich Stahl, Darmstadt, der später auch in Arheilgen wohnte, sprach zum Thema "Übergangswirtschaft" und machte hierzu grundlegende Ausführungen. Es wurden Männer für die verschiedenen Kommissionen gewählt. So gehörten der Wohnungskommission an: Heinrich Best, Heinrich Buß, Philipp Anthes.

Die Arbeitslosenkommission bildeten: Gustav Hochmuth, J. Traser, Georg Fleck.
In die Lebensmittelkommission kamen: Johann Heinrich Müller, Joh. Hübner, Georg Dieter.

Die Besetzung dieser Kommissionen mußten der Gemeindeverwaltung mitgeteilt werden. Die Bürgermeistergeschäfte wurden für den verstorbenen Bürgermeister vom bisherigen Beigeordneten erledigt.
Für den 24. November (Sonntag) wurde eine öffentliche Versammlung im Saal des „Grünen Baum" beschlossen. Fs sprach eiri Mitglied des Arbeiter- und Soldatenrates des Kreises Darmstadt über "Die Revolution in Hessen".
Auch die Partei hielt wenig später eine Mitgliederversammlung ab und bestätigte den alten Vorstand wieder mit den Genossen
 

Jakob Jung1. Vorsitzender
Heinrich Ruß2. Vorsitzender
Georg BohlKassier
Georg WeberSchriftführer
Georg MampelBeisitzer
Thomas EißlerBeisitzer


Schon versuchten vereinzelt neu eingetretene Mitglieder nutznießerischen Einfluß zu gewinnen.
Auf einer Landeskonferenz am 22. Dezember wurde u.a. die Aufstellung der Landesliste für die Wahl zur Hessischen Volkskammer vorgenommen, auf der Genosse Jakob Jung unter den 70 Kandidaten auf Platz 52 eingereiht wurde.

Kaum waren die letzten, in geschlossenen Formationen aus Frankreich zurückkehrenden Truppen durch Arheilgen marschiert, rückten am 22. Dezember auch schon die Franzosen als Besatzung ein. Nur wenige Stunden lagen dazwischen. Am gleichen Tag wurde auch Egelsbach besetzt. Der Verkehr auf der Chaussee von Frankfurt nach Darmstadt war an diesem Tag noch unbehindert. Am nächsten Tag war jeglicher Verbindungsweg ins unbesetzte Gebiet gesperrt. Arheilgen war durch Erdwälle, Kontrollstellen, militärische Posten und patrouillierende Soldaten von Darmstadt abgeschnürt. Lediglich Kranichstein und einige Häuser an der Darmstädter Straße, jetzt Frankfurter Landstraße, südlich des derzeitigen GehmerWeges gehörten zum unbesetzten Gebiet.
Am nächsten Tag mußten sich alle wehrfähigen Männer registrieren lassen. Einen Tag vor Weihnachten verfügte der Ortskommandant, daß alle Wehrpflichtigen am 24. Dezember 1918 um 18.00 Uhr Arheilgen verlassen haben müssen. Im ganzen Ort herrschte große Aufregung und Bestürzung. Erst nach vielen anstrengenden Bemühungen deutscher Stellen wurde kurz vor Ablauf der Frist diese Anordnung zurückgenommen und durch die damals noch übliche Ortsschelle bekanntgegeben. Die Männer konnten, soweit sie schon im unbesetzten Gebiet waren, zurückkehren. Diejenigen, die in letzter Minute auf dem Weg nach Darmstadt oder Kranichstein waren und zum Teil von ihren Angehörigen bis zur Grenze begleitet wurden, kehrten überglücklich wieder um. Es gab Freudentränen überall.

Nur einige, besonders namhaft gemachte ehemalige Soldaten mussten das besetzte Gebiet verlassen, da man Verbindungen mit dem noch verbliebenen deutschen Heer befürchtete. So konnte auch der Genosser Ludwig Jung, Sohn des Parteivorsitzenden Jakob Jung, weil er während des Krieges einige Zeit im Großen Hauptquartier der Obersten Heresleitung als Unteroffizier eingesetzt war, nicht bleiben. Auch Genosse Heinrich Müller, Sohn des Genossen Joh. Heinrich Müller, war unter den ausgewiesenen Aeheilgern. Gründe für dessen Ausweisung wurden nie bekannt, sicherlich lag bei irgend einer französischen Stelle eine Verwechslung vor. So mußten einige Arheilger Bürger für längere Zeit im unbesetzten Gebiet verbleiben.

Hieraus ist ersichtlich, mit welchen Schwierigkeiten mitten im Umbruch die Verwaltung nun auch noch mit der Besatzungsmacht, ohne Verbindung mit der neuen vorläufigen Regierung, zu kämpfen hatte. Es war für die Männer auf der Bürgermeisterei nicht leicht, erträgliche Verhältnisse zu schaffen. Der Arbeiter-, Bauern- und Soldatenrat hatte, kaum daß er sich gebildet hatte, mit dem Einmarsch der Franzosen keine Arbeitsgrundlage mehr, da die Besatzungsmacht jegliche Betätigung für ihn und auch für Parteien und Vereine untersagte. So konnten keine Versammlungen mehr abgehalten werden.

Von den 216 Gefallenen aus Arheilgen waren eine Anzahl Sozialdemokraten, u.a. die Mitbegründer des hiesigen Ortsvereins Karl Eisenbach und Genosse Michael Wesp. Viele Mitglieder und Freunde der Partei kamen als Kriegsbeschädigte, z.T. als Schwerkriegsbeschädigte, zurück. Es hatten die als "vaterlandslose Gesellen" bezeichneten Sozialisten geblutet und gelitten für einen Staat und eine Gesellschaft, von denen sie stets angegriffen und bekämpft wurden. Dieser monarchistische Staat und seine Träger predigten Nationalsozialismus und Erbfeindschaft mit Frankreich, die Sozialisten aber wollten schon seit dem Bestehen der Partei Frieden und Völkerverständigung - was sie innerhalb ihrer internationalen Organisationen bewiesen hatten -, wurden dafür immer wieder beschimpft und geschmäht.

Von den Spartakusaufständen in Berlin Mitte Januar 1919 merkte man hier durch die Abschnürung der Besatzungsmacht nichts. Den Tod von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg erfuhr man hier erst viel später.

Nach einer kurzen Übergangszeit nach der Revolution von 1918 hatten die Sozialdemokraten hier und überall in unserem Vaterland aus den Hinterlassenschaften des zusammengebrochenen Kaiserreiches nach der Flucht von Kaiser Wilhelm Il. begonnen, ein geordnetes Staats- und Gemeindewesen aufzubauen. Die schwarz-wei߬roten kaisertreuen Nationalisten hatten sich zu dieser Zeit verkrochen.

Es wurden allgemeine, gleiche, geheime und unmittelbare Wahlen ausgeschrieben. Erstmals durften auch Frauen ihre Stimme an der Wahlurne abgehen. Am 19.1.1919 gingen die Männer und Frauen zur Wahl der National-Versammlung, die dann am 6.2.1919 in Weimar zusammentrat. Nunmehr war immer sonntags Wahltag.

Die Stimmen verteilten sich in Arheilgen wie folgt:
 

SPD2.233 = 66,8 %
USPD11 = 0,3 %
Zentrum87 = 2,6 %
Demokraten630 = 18,8 %
Hess. Volkspartei-
Deutschnat. Volkspartei384 = 11,5 %
Summe3.345 =100%


Eine Woche später ging man am 26.1.1919 zur Wahl der Hessischen Landes-Versammlung, die am 12 12.1919 eine neue Hessische Verfassung beschloß. Das Ergebnis war der vorhergehenden Wahl ähnlich. So erhielten an Stimmen
 

SPD2.211 = 66,2 %
USPD37 = 1, 1 %
Zentrum86 = 2,6 %
Demokraten573 = 17,2 %
Hess. Volkspartei129 = 3,9 %
Deutschnat. Volkspartei303 = 9,0 %
Summe3.339 = = 100 %


Der erstaunliche Erfolg der Sozialdemokratischen Partei war nicht etwa ein Zufallsergebnis im Zusammenhang mit. dem November-Umsturz. Die SPD verfügte schon im Kaiserreich über eine beachtliche Stärke, hatte aber aufgrund des damaligen Wahlsystems noch kein ihrer Wählerzahl entsprechendes parlamentarisches Gewicht.

Nach Aufhebung des Versammlungsverbotes und Gewährung weiterer Erleichterungen erhielten nun die Arheilger erstmals auch wieder den "Hessischen Volksfreund". Hieraus ist zu ersehen, wie damals das besetzte Gebiet abgeschnürt war.

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