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Hunger und Elend in der Heimat

Da die deutsche Regierung einen raschen Sieg erwartete, hatte sie sich ebenso wie die Militärführung keine Gedanken über die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln gemacht. Tatsächlich kam es jedoch zu Engpässen, und schon im Februar 1915 wurde die „Brotkarte" eingeführt,

Lebensmittel wurden rationiert. Der Mangel an Lebensmitteln und auch an Kohle führte vor allem bei den hungergeschwächten Kindern und bei älteren Menschen zu lebensgefährlichen Grippeerkrankungen.

„Hier bei uns sieht es traurig aus. Schon fünf Wochen keine Kartoffeln, Mehl und Brot knapp. Man geht hungrig zu Bett und steht hungrig wieder auf. Nur die ewigen Rüben, ohne Kartoffeln, ohne Fleisch, alles in Wasser gekocht." Brief einer Hamburger Arbeiterin vom Februar 1917.

Seit Herbst 1915 gehörten lange Schlangen vor Geschäften und Marktständen zum Alltag. In den Augen der Behörden waren diese „Lebensmittelpolonaisen" ein Warnsignal. Denn sie bildeten Kristallisationspunkte des Protests, aus denen sich unliebsame Störungen entwickelten.

„Du wirst wohl in der Zeitung von dem Verkauf von Knochen und Schälrippen bei Borchers gelesen haben. (...) Du glaubst nicht, was für eine Menge von Frauen und Kindern anstanden. (...) Als ich bereits 1 Std. dort gestanden hatte, hieß es, daß die Karten, die man sich erst lösen mußte, verausgabt waren. Na da waren wir mit einigen Genossinnen bereit zu demonstrieren. Wir gingen zu den Frauen und sagten, daß wir zur Lebensmittelkommision gehen wollten. Es dauerte ¼ Std. da hatten wir einige hundert Frauen, die hinzogen. Ein junges Mädchen trat öfter aus dem Zug und rief „Proletarier aller Länder, vereinigt Euch!!", und wir riefen „Hurra".(...) Ach Mensch, es war für mich ein Genuß, die Frauen mit ihren Körben und Taschen so erbittert zu sehen. Diese Erbitterung!"(Brief von Anna Pöhland, Bremen)

Die Beschaffung von zusätzlichen Lebensmitteln, das Hamstern, wurde zu einer Überlebensfrage. Trotz aller Verbote und Kontrollen durchkämmten Kolonnen von Großstädtern an den Wochenenden die ländlichen Regionen auf der Suche nach Essbarem. Freilich: Wer genügend Geld hatte, der konnte sich auf dem Schwarzmarkt die begehrten Waren verschaffen. Das sorgte für Erbitterung. "Alles wird für die Reichen, für die Besitzenden reserviert", empörte sich eine Frau in einer Hamburger Kriegsküche im Februar 1917.

"Die schönen Reden vom Durchhalten gelten nur für die arbeitende Klasse, die herrschende Klasse hat sich mit ihrem Geldsack schon genügend versorgt."

siehe auch
Ernährungsamt empfiehlt 2500 „Kauakte" für 30 Bissen
(Fast) niemand wird verschont
Der Kampf um das tägliche Brot

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