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August Bebel (1840 - 1913)

August Bebel und Wilhelm Liebknecht waren Reichstagsabgeordnete der Sächsischen Volkspartei im Norddeutschen Bund. Von Anfang wussten sie ihre Reden scharf auf den Punkt zu bringen.

Wütender Hass schlug Bebel entgegen, als er sich am 21. Juli 1870, zwei Tage nach der französischen Kriegserklärung an Preußen, gemeinsam mit Liebknecht bei der Abstimmung im Norddeutschen Reichstag über die Kriegskredite der Stimme enthielt. Was deutsche Historiker erst viele Jahrzehnte später wahrhaben wollen, das erkennt Bebel im ersten Augenblick: dass es Bismarck gewesen ist, der Napoleon III. in den Krieg hineinprovoziert hat.
So spricht sich Bebel in einer späteren → Reichstagsrede auch entschieden gegen die beabsichtigte Annexion Elsaß-Lothringens aus. „Ein großer Teil des Hauses hatte einen förmlichen Tobsuchtsanfall", heißt es in den Erinnerungen. Noch mehr Empörung löst im Mai 1871 sein ausdrückliches Bekenntnis zur Pariser Kommune aus. Er prophezeit, der Kampf, der dort geführt werde, sei nur „ein kleines Vorpostengefecht" in der bevorstehenden großen Auseinandersetzung zwischen Kapital und Arbeit in ganz Europa. Von nun an gelten er und seine Mitstreiter als „vaterlandslose Gesellen".

Nach dem Ende des Sozialistengesetzes nimmt die SPD einen stürmischen Aufschwung. Parallel dazu brechen jedoch die Gegensätze auf: zwischen einem reformorientierten Flügel, der seinen Frieden mit dem bürgerlichen Klassenstaat machen will, und dem linken Flügel, der das revolutionäre Parteiprogramm entschlossen in die Praxis umsetzen möchte und auf Massenaktionen drängt.
In diesem Streit, der die Sozialdemokraten schon vor 1914 zu zerreißen droht, spielt Bebel den Mittler. Einerseits wendet er sich gegen die Parteirechte, am heftigsten auf dem Dresdner Parteitag 1903: Solange er atmen könne, wolle er „der Todfeind dieser bürgerlichen Gesellschaft und dieser Staatsordnung bleiben". Andererseits aber lehnt er es, zur Enttäuschung besonders von Rosa Luxemburg, ab, den Massenstreik als offensives Mittel im Kampf um die Macht einzusetzen. Kraft seines Charismas gelingt es Bebel, die Partei zusammenzuhalten, auch wenn ihm das in den Vorkriegsjahren immer schwerer fällt.
In den letzten Jahren treibt ihn die Sorge um vor einem großen „Kladderadatsch", einem verheerenden Weltkrieg. Unermüdlich prangert er die wahnwitzige Flottenrüstung und die Weltmachtpolitik der wilhelminischen Eliten an. Was er am 9. November 1911, in der Reichstagsdebatte über die Zweite Marokkokrise, prophezeit, sollte nicht einmal drei Jahre später schreckliche Wirklichkeit werden: „Alsdann wird in Europa der große Generalmarsch geschlagen, auf den hin 16 bis 18 Millionen Männer, die Männerblüte der verschiedenen Nationen, ausgerüstet mit den besten Mordwerkzeugen, gegeneinander als Feinde ins Feld rücken."
(Die Zeit 1.8.2013)

Jean Jaurès (1859 — 1914)

Jean Jaurès hatte immer wieder vor dem Ersten Weltkrieg gewarnt - und sich damit mächtige Feinde gemacht. Am 31. Juli 1914 wurde der französische Politiker und Pazifist in Paris erschossen.

In der Tageszeitung L'Humanité, die Jean Jaurès 1904 gegründet hatte, hatte der unbeugsame Pazifist immer wieder Militarismus und Nationalismus angeprangert und für einen Völkerbund plädiert:
„Bricht der Krieg aus, dann wird er sich gleich einer Seuche verbreiten und zum schrecklichsten Völkermord seit dem Dreißigjährigen Krieg führen."

Der am 3. September 1859 in Castres im Südwesten Frankreichs geborene Sohn einer alteingesessenen Bürgerfamilie war ein hochbegabter Redner: Schlagfertigkeit, umfassende Bildung, gepaart mit Einfachheit und Freundlichkeit kennzeichneten ihn. Mit 26 Jahren zog der Philosophieprofessor als jüngster Abgeordneter der republikanischen Partei in die Nationalversammlung der Dritten Republik ein. Überzeugt, dass es möglich sei, eine gerechte Sozialordnung herzustellen, kämpfte Jaurès für die Einheit der europäischen Arbeiter.
„Pourquoi ont-ils tué Jaurès?" - „Warum haben sie Jaurès getötet?", heißt es im Chanson von Jacques Brel.
Mit seiner Haltung hatte sich Jaurès mächtige Feinde im nationalistischen Lager gemacht. Mutig verteidigte er im Parlament den jüdischen Hauptmann Dreyfus, der 1894 Opfer einer beispiellosen Verleumdungskampagne geworden war: im Auftrag Deutschlands soll Dreyfus spioniert haben, hieß es. Zwischen den beiden Ländern verschärfte sich der Ton. Jaurès erkannte, dass aus einem lokalen Konflikt leicht ein europäischer Krieg werden könnte.

Das war zuviel für die Revanchisten, die Demütigung der Niederlage mit der Annexion von Elsaß-Lothringen saß tief. Nach dem Mord an Jean Jaurès gab es manch hämische Reaktion, sein Mörder wurde gar freigesprochen.
(Deutschlandfunk Kultur 31.07.2014)

Hier der Nachruf am 3. August 1914 im → Hessischen Volksfreund, der Zeitung der südhessischen SPD, begleitet von zeitgenössischen Lügen, die den Angriffskrieg begründen sollten.

Szenen im Reichstag

Karl Liebknecht, 2. Sohn des SPD-Reichstagsabgeordneten Wilhelm Liebknecht, wurde 1871, also während des Krieges gegen Frankreich geboren. Er wurde ebenfalls Reichstagsabgeordneter der SPD, beugte sich 1914 bei der ersten Abstimmung über Kriegskredite noch der Fraktion, stimmte im Dezember aber dagegen. Entgegen den Bestimmungen für Abgeordnete wurde er als Armierungssoldat („Schipper") eingezogen und nach öffentlichem Auftreten gegen den Krieg zu über vier Jahren Zuchthaus verurteilt. Dadurch verlor er Ehrenrechte und Mandat.


Liebknecht hatte während des Krieges kaum eine Möglichkeit, sich im Plenum des Reichstages Gehör zu verschaffen. Die von ihm schriftlich eingereichte Begründung seiner Stimmabgabe am 2. Dezember 1914 nahm der Reichstagspräsident entgegen der üblichen Gepflogenheiten nicht in das amtliche Protokoll auf und lehnte es in der Folge unter verschiedenen Vorwänden ab, Liebknecht das Wort zu erteilen. Erst am 8. April 1916 konnte Liebknecht zu einer untergeordneten Etatfrage von der Rednertribüne aus sprechen. Dabei kam es zu einer — so der Abgeordnete Wilhelm Dittmann — im Reichstag bis dahin nicht gesehenen „wüsten Skandalszene": Liebknecht wurde von „wie besessen" tobenden liberalen und konservativen Abgeordneten niedergeschrien, als „Lump" und „englischer Agent" beschimpft und aufgefordert, das „Maul zu halten"; der Abgeordnete Hubrich entriss ihm die schriftlichen Notizen und warf die Blätter in den Saal, der Abgeordnete Ernst Müller-Meiningen musste von Mitgliedern der SAG-Fraktion daran gehindert werden, Liebknecht körperlich zu attackieren.
Quelle: Wikipedia in de.wikipedia.org/wiki/Karl_Liebknecht am 18.1.2018

Das erinnert an Bebels Rede im Vorläufer des Reichstags, dem Norddeutschen Reichstag am 26. November 1970. Karl Liebknecht war noch nicht geboren, als Bebel sich gegen die Annexion Elsaß-Lothringens wandte und deren Verfechtern wirtschaftliche Interessen vorwarf:
Ei, Gott bewahre, (...) hier zeigt es sich ganz deutlich, daß zwischen Reden und Handeln ein großer Unterschied ist und daß wir in dieser Beziehung keine Ursache haben, auf das französische Volk von oben herabzusehen. Nun, meine Herren, dieser Hinweis sollte auch dazu beitragen, daß wir uns hier nicht in neue Opfer stürzen, daß wir die Opfer nicht unendlich verlängern, Opfer, die doch nur dadurch hier aufgebracht werden können, daß diejenigen, die immer mit dem Patriotismus voraus sind in den Worten, erst abwarten, ob ihnen die nötigen Prozente auch in die Tasche fallen.

Das Protokoll vermerkt danach:
(Allgemeine Mißbilligung, Zischen, Ruf: Pfui! Hinaus! Hinaus mit ihm!) Präsident: Hat denn der Herr Redner auch gar kein Gefühl dafür (er mag den Wert der Nationalität so hoch oder niedrig stellen, wie er will), daß er sich herausnimmt, unser eigenes Volk in dieser seiner Vertretung zu beschimpfen?! (Allseitiges Bravo. Großer Lärm. Ruf: Hinaus mit ihm!) Ich wiederhole Ihnen, Herr Bebel, daß, wenn Sie sich in diesem Stile fortzufahren nicht entblöden, ich auf meine Verantwortung vor diesem Hause Ihnen das Wort entziehen werde. (Allseitiges Bravo.)
Quelle: germanhistorydocs.ghi-dc.org/pdf/deu/709_Bebel_Deutsch-Franzoez%20Krieg_214.pdf abgerufen am 11.2.2018

 

„Die Agitation...tot machen"

Während des Krieges wurden Kriegsgegner bespitzelt und verfolgt. Einen Einblick erlaubt ein Schreiben des Großherzoglich hessischen Bevollmächtigten beim Bundesrat des Deutschen Reiches vom April 1917. Es erweist sich, dass die Behörden wohl zu differenzieren wussten. Unter „Arbeitsgemeinschaft" sind die kurz zuvor sich aus der SPD gelösten „Unabhängigen", die USPD zu verstehen.
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